Aug in Aug mit dem Finnwal


8. April 1825. Sensation auf Rügen: An der Westküste strandet ein junger Finnwal. Sein Skelett wird ein Wahrzeichen des Meeresmuseums. Am 8. April können Besucher in Stralsund einen besonderen Blick darauf werfen: Dann lässt das Museum das Skelett auf Augenhöhe herab.
Die Sensation in der Nähe von Lieschow ist 16 Meter lang, fast zehn Tonnen schwer – und spricht sich schnell herum. „Zum einen kamen Wale in der Ostsee äußerst selten vor. Zum anderen wusste man damals noch nicht, um welche Walart es sich genau handelte“, berichtet das Deutsche Meeresmuseum.
Fischer beginnen schnell, den Wal-Speck für den Verkauf abzutrennen. Dennoch gelingt es, das tote Tier für die Universität Greifswald zu erwerben und bergen. Zehn Tage nach seinem Fund ist das Tier auf dem Weg nach Wieck bei Stralsund. Ein schwieriger Transport. Mit Zwischenstopp in Stralsund. „Zur Befriedung der Wißbegier des Publikums“, wie es in alten Schriften heißt.
Steter Tropfen auf den Schreibtisch
In Greifswald angekommen, wird der Kadaver untersucht und skelettiert. Die schwer zu entfettenden riesigen Knochen füllen mehrere Tonnen in den engen Fluren des Anatomischen Instituts. Nachdem das Skelett entfettet ist, wird es zusammengesetzt.
Ende des 19. Jahrhunderts kommt es ins Zoologische Institut und Museum der Universität Greifswald. Hier tropfte es dem Direktor Jahre lang auf den Schreibtisch. Eine vollständige Entfettung der Knochen war damals nicht möglich, berichtete einst Gerhard Schulze, Diplombiologe und ehemaliger stellvertretender Direktor des Meeresmuseums.
Seit 1974 im Chor
1968 wird das Skelett dem Meeresmuseum übergeben, professionell überarbeitet, vollständig entfettet und neu montiert. Seit 1974 hängt es im Chor der Katharinenhalle. Vier Jahre später übernimmt das Museum drei weitere Präparate des Wals. Mit dabei: Rückenfinne und Penis.
2011 wird das größte biologische Ausstellungsobjekt des Museums erneut umfassend restauriert, neu aufgehängt und anatomisch korrigiert. Währen der vierjährigen Modernisierung des Museums (2020 bis 2024) verweilte das Skelett gut verpackt als eines von wenigen Exponaten an Ort und Stelle.
„Die Historie dieses besonderen Sammlungsobjekts zeigt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und museale Vermittlungstechniken sich ständig weiterentwickeln. Ergänzt um so manche Anekdote, ist die Geschichte des vor 200 Jahren gestrandeten Finnwals wohl noch lange nicht auserzählt. Es heißt sogar, an diesen Exponaten nahm die deutsche Walforschung ihren Anfang…“, so das Meeresmuseum.